
Der Urlaub der schönen Hinwege

Draussen sprüht der Wind den Regen gründlich in alle Winkel und in mir brodelt leiser
Unmut, ausgerechnet am letzten Urlaubstag definitives Mistwetter zu haben, während die
Kinder abwechselnd lautstark das Ferienhäuschen verwüsten und wieder aufräumen.
Die Kinder bedeutet in diesem Falle nicht unser gemischtes Doppel, sondern auch noch das ebenso
gemischte Doppel unserer Bekannten, die derzeit ein Häuschen weiter wohnen. Ähnliches Haus,
derzeit sicherlich aber mit deutlich geringerem Lärmpegel...
Mit 2 Familien zu reisen ist einfach unschlagbar gut, wobei mich aber der Gedanke an eine
Big-Brother-Variante,
alle in einem Haus, nicht reizen würde. Weder mit noch ohne Kameras - und schon gar nicht für
100 Tage... Oder - mir kommt gerade der verlockende Gedanke, mich derart eklig aufzuführen,
(
das sollte mir nicht weiter schwerfallen...)
daß ich als erste gehen
muß und dann eine Weile einerseits meine Ruhe hätte
und andererseits jederzeit sehen könnte, wie es meinen Lieben geht...
In diesem Urlaub haben wir das Gerücht, daß es sich auf Inseln
nie einregnet gründlich
widerlegt gesehen, was uns aber nicht weiter erschüttert, denn es blieb hinreichend gutes
Wetter für ausgedehnte Ausflüge.
ein wenig zu ausgedehnte Ausflüge, denn wenn Kinder ihren Eltern den kleinen Finger reichen,
neigen diese umgehend zu Übertreibungen. Wir zumindest...
Und so radelten wir über die Texeler Dünenwege, machten zwischendrin ein Picknick hier
und da, lasen in James Krüss'
die glücklichen Inseln hinter dem Winde (er muß
Texel gemeint haben...), wateten barfuss durch das Meer, bewunderten pelzige Raupen und
kicherten, wann immer ein Fasan gockerte, weil dies Geräusch arg an die Moorhühner erinnert,
die wir vor kurzem noch virtuell mordeten.
Vor allem aber ignorierten wir eisern die Rückwege.
Wir waren auch nicht besonders erschöpft, denn zumindest für mich bedeuteten die Radtouren
gemütliches Herumtrödeln im ersten Gang. An Felix Fahrrad hing ein bequemer Anhänger,
indem Oliver durch die Gegend gezogen wurde, während Michaela sich auf ihrem Kinderrad redlich
abstrampelte.
Während ich mir die Sonne in den Nacken scheinen liess, die Aussicht, die Ruhe und diese
unglaublich gute Luft genoss, dabei nur aufpassen mußte, Michaela nicht versehentlich zu
überholen, war ihr ganzer Körper in Bewegung. Alles an ihr strampelte, lenkte, wackelte
und zappelte, übte verbissen an der Gangschaltung herum und trotzdem fand sie noch Zeit,
nahezu unablässig zu plappern.
So war ich auf den Rückwegen auch immer schnell gewarnt, wann der
bis hierhin und nicht weiter-Punkt
nahte. Tränen, Bauchweh, Aua-Beine, etc - das Kinderrad an einen Baum gekettet, Michaelas
Umstieg in den Anhänger und der Rest der Tour in angestrengten Schweigen. Ich konnte im ersten
Gang weitertrödeln, mußte nur aufpassen, daß ich Felix nicht versehentlich überhole,
der mir dann garantiert mit Strychnin in der Stimme angeboten hätte, den vollbeladenen Anhänger einmal
zu ziehen.
Bei einem Ausflug forderten wir die Ausflugs-Götter zu sehr heraus. Hinter uns lagen gute 10 km
Radweg, als Felix mit Glitzern in den Augen einen
Rundweg entdeckte. Ich weiß nicht, wie
seine Liebe zu Rundwegen entstand, aber sie ist tief, innig und unerbittlich. 3,8 km - Oliver
verlangte schon nach wenigen Schritten
Papa Arm!
Unsere Vorräte waren erschöpft, unsere Kinder auch. Keine Kekse mehr, nichts mehr zu trinken
und leider auch keine Windel mehr dabei. Vermutlich möchte niemand wissen, wie wir mit Hilfe eines
No-Name-Papiertaschentuchs improvisierten?
Der an sich wunderschöne Weg zog sich durch ein Sumpfgebiet (
zog und zog sich immer mehr...),
die Grillen zirpten, die Frösche
quakten und die Mücken senkten sich in dichten Wolken auf uns nieder.
Michaelas Geplapper tröpfelte nur noch und drehte sich um die Frage, ob eventuell ihr Fahrrad
geklaut worden sei und sie dann in Olivers Anhänger mitfahren
müßte.
Ich hatte Hunger, mein Sinn stand nach Hollands Gourmetküche - viele viele tote Fritten in
Pinda-Sauce, oder frische Mosselen? Oder beides???
Felix motivierte Michaela noch bis zu einem Restaurant auf dem Fahrrad durchzuhalten. Dort würden
wir essen (Saté Spiesse und Fritten? vorher ein Garnelen Cocktail und hinterher Bessem Genever?)
ihr Fahrrad dort lassen und später mit dem Auto abholen.
In dem Moment verlor Felix Hinterreifen Luft. Alle 100 m pumpte er wieder welche hinein, aber
den kompletten Rückweg würden wir so nicht schaffen. Schnell wurde der Plan so umgestellt,
daß ich den Anhänger an mein Rad hängte, nach hause radelte und meine Familie und
die zwei Räder dann mit dem Auto abholen würde, während die 3 schon einmal essen würden.
wie gemein!
Ich strampelte tapfer gegen den Wind, bis ich auf den Bauernhof mit unseren Ferienhäuschen kam.
Dort setzte ich mich wieder kerzengerade hin, pfiff ein munteres Liedchen und radelte mit strahlendem
Lächeln und fröhlichen Winken am Häuschen unserer Freunde vorbei, bevor ich in unser Auto
stieg und zum Restaurant zurück fuhr.
Dort verschlang ich in Sekundenschnelle die kalten Überreste zweier Kinderpfannkuchen, bevor
ich meinen pappsatten Göttergatten und zwei todmüde Kinder nach hause fuhr.
Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, wird auch Oliver Fahrrad fahren und anders als Michaela
nicht nur mit zwei pädagogisch gutwilligen Erwachsenen zu tun haben, die ihr Tempo kommentarlos
drosseln, sondern mit einer großen Schwester, die ihn bestenfalls als lahme Schnecke beschimpfen
wird, oder, was natürlich viel schlimmer ist, ihm gönnerhaft klarmachen, daß er ja
noch eine Fuzzi-Baby ist und deshalb so lahm fährt.
Und irgendwann in nur unwesentlich fernerer Zukunft werde ich keuchend die Hügel hoch und runter
strampeln und mich nach den Zeiten zurücksehnen, da die Kinderlein noch in humaner Geschwindigkeit
fuhren...
Wobei darunter Felix sicher mehr zu leiden hat... Männer...
Männer sind so drollig...
Also, ein Wochenende besuchten uns hier Freunde. Der beste aller Patenonkel war hier und tobte
mit der Energie und dem Enthusiasmus all Kinderlosen durch Sand und Wellen, während wir
interessiert auf einige Rohre starrten, die dort am Strand lagen, wo sie einige Tage zuvor noch
nicht gelegen hatten.
Eine Pipeline, schwafelte der beste aller Ehemänner. Erdöl.
Erdgas, verbesserte der Onkel, während ich zweifelte.
Weshalb sollte man das Ding ausgerechnet an einem der Touristenstrände direkt vor einem dieser
Strandcafes ankommen lassen? Die Männer erklärten fachkundig, daß diese Rohre
sich noch
irgendwie absenken würden.
Männer wissen immer Bescheid...
Wenn du wirklich Spaß haben willst, dann nimm eine Blechplatte, löte einige Drähte
und rätselhafte Einzelteile aus dem Baumarkt drauf und lass Dir dann von allen Dir bekannten
Männern erklären, was das ist.
Männer können gar nicht anders - reflexartig fangen sie an unter Verwendung von möglichst
vielen Fachbegriffen zu erklären. Die Resultate mögen sehr unterschiedlich sein, einzig
die Tatsache, daß keiner von ihnen irgendwelche Zweifel hat Bescheid zu wissen, eint sie...
Jedenfalls war ich ein elender Spielverderber und fragte jemanden, der wenig ermutigend begonnen hatte,
die Windschutz-Fenster im Strandcafé mit Brettern zu sichern, was das für Rohre seien und
was er über das Wetter der nächsten Tage wüßte, daß er begonnen hätte,
die Fenster zu schützen.
Zum Wetter schwieg er beredt, aber die Rohre erklärte er damit, daß der Strand
aufgeschüttet
würde. Man also Sand und Wasser auf den Strand pumpen würde. Für die Idee mit der
Pipline belächelte er mich amüsiert. Typisch Frau... keine Ahnung von gar nichts...